FragenWas macht etwas moralisch richtig?Die Vernunft ist die Sklavin der Leidenschaften: Moral wird gefühlt, nicht bewiesen
Was macht etwas moralisch richtig?Natur oder Gewissen

Die Vernunft ist die Sklavin der Leidenschaften: Moral wird gefühlt, nicht bewiesen

„Die Vernunft ist die Sklavin der Leidenschaften“; Humes Gesetz (aus einem „Ist“ folgt kein „Soll“)

David Hume 1711 · 1776Weder Kausalität noch Induktion lassen sich beweisen: Die Gewohnheit leitet uns.
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Was es behauptet

Also stammt die Moral nicht aus der Vernunft: Sie wird eher gefühlt als beurteilt.

Warum

Die Vernunft allein bewegt uns nie zum Handeln, die Moral aber bewegt uns zum Handeln: Also muss sie aus dem Gefühl stammen.

Dieselbe Idee im Lauf der Geschichte
Francis Hutcheson1725Hutcheson, Humes Mentor, vertritt die Auffassung, dass wir Recht und Unrecht durch einen „moralischen Sinn“ wahrnehmen: Wir beurteilen zwei Menschen, die uns denselben Dienst erweisen, den einen aus Güte, den anderen aus Eigennutz, unterschiedlich.
David Hume1739Hume geht mit 28 Jahren weiter: Die Vernunft allein kann uns zu nichts bewegen, sie dient nur unseren Leidenschaften. Seine eindrückliche Formulierung: Es widerspricht nicht der Vernunft, die Zerstörung der ganzen Welt einem Kratzer am eigenen Finger vorzuziehen. Also stammt die Moral, die uns zum Handeln bringt, aus dem Gefühl.
Adam Smith1759Adam Smith, ein Freund Humes, baut eine ganze Moral auf dem Mitgefühl auf: Wir beurteilen Handlungen, indem wir uns in der Vorstellung an die Stelle anderer versetzen.
Kurz gesagt

„Die Vernunft ist die Sklavin der Leidenschaften: Moral wird gefühlt, nicht bewiesen“ ist ein Argument von David Hume (Ein Traktat über die menschliche Natur, Buch 2, 3.3 und Buch 3, 1.1-2 (1739-1740), 1739) zur Frage „Was macht etwas moralisch richtig?“ (Antwort: natur oder gewissen). Seine These: Also stammt die Moral nicht aus der Vernunft: Sie wird eher gefühlt als beurteilt. Laut der Logikprüfung von AskPhilosophy (Z3-Solver) ist das Argument nur gültig, wenn man eine Prämisse zugesteht, die der Autor nicht ausdrücklich formuliert (P3). AskPhilosophy präsentiert 3 Einwände, davon 2 mit einer dokumentierten Erwiderung, sowie den Originaltext hinter jeder Prämisse, Wort für Wort geprüft.

Ein Traktat über die menschliche Natur, Buch 2, 3.3 und Buch 3, 1.1-2 (1739-1740)
Gültig mit impliziter Prämisse

Wenn du urteilst, dass ein Mord schlecht ist, ist es dann deine Vernunft, die das beweist, wie in der Mathematik? Für Hume nicht. Die Vernunft dient dazu, zu wissen, was wahr oder falsch ist, und die Mittel zu finden, um ein Ziel zu erreichen, aber sie bewegt uns nie zum Handeln: Das tun unsere Leidenschaften. Die Moral aber bewegt uns zum Handeln. Sie stammt also nicht allein aus der Vernunft: Wir fühlen Gut und Böse eher, als dass wir sie beurteilen. Im selben Kapitel fügt Hume eine Bemerkung hinzu, die als „Humes Gesetz“ berühmt geworden ist: Aus dem, was ist, lässt sich nicht allein schon ableiten, was sein soll.

P1Die Vernunft allein kann uns niemals zum Handeln bewegen noch sich einer Leidenschaft widersetzen: Sie ist und soll nur die Sklavin der Leidenschaften sein.
P2Die Moral aber wirkt auf uns: Sie weckt Leidenschaften, sie bringt Handlungen hervor oder verhindert sie.
P3 · implizite PrämisseWas eine Wirkung hervorbringt, die die Vernunft allein nicht hervorbringen kann, kann nicht allein aus der Vernunft stammen.
P4Unsere moralischen Urteile sind Wahrnehmungen des Geistes, und jede Wahrnehmung ist entweder eine Idee (die Sache der Vernunft) oder ein Eindruck (ein Gefühl).
P5Ein Beispiel bestätigt das: Untersuche einen Mord von allen Seiten, du findest darin nur Leidenschaften, Motive, Gedanken. Das Laster tritt erst hervor, wenn du in dich selbst hineinblickst und dort ein Gefühl der Missbilligung findest.
P6Ebenso erlaubt es kein Schließen über das, was „ist“, für sich allein, auf das zu schließen, was sein „soll“: Das „Soll“ drückt eine neue Beziehung aus, die erklärt werden müsste. Das ist „Humes Gesetz“.
Also stammt die Moral nicht aus der Vernunft: Sie wird eher gefühlt als beurteilt.

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Wenn du alle Prämissen akzeptierst, zwingt dich die Logik dazu, auch die Konklusion zu akzeptieren. Die Debatte dreht sich also um die Prämissen.
Von einem Logik-Solver geprüft: Es ist unmöglich, dass alle Prämissen wahr und die Konklusion falsch sind.
Ohne die implizite Prämisse: Ohne P3 findet der Computer einen Fall, in dem die Vernunft allein nie zum Handeln bewegt, in dem die Moral zum Handeln bewegt und in dem die Moral dennoch aus der Vernunft stammt: Es genügt, dass die moralische Vernunft eine Ausnahme von der Regel in P1 ist.
Der Kern des Arguments besteht aus P1, P2, P3 und P4, und er ist gültig. Ohne P3 ist er es nicht mehr: Es bliebe möglich, dass etwas eine Wirkung hervorbringt, die die Vernunft allein nicht hervorbringt, und dennoch aus der Vernunft stammt, etwa wenn die Vernunft manchmal von sich aus zu einem Motiv werden könnte. Genau das wird Kant behaupten. P5 und P6 sind ein zweiter, unabhängiger Beweis: Das Mordbeispiel und Humes Gesetz zeigen, dass Gut und Böse nicht in den beobachteten Tatsachen zu finden sind. Sie stärken die Schlussfolgerung, sind aber für die Gültigkeit nicht nötig.
Analogie. Ein Navi kann dir sagen, welche Straße am schnellsten zum Strand führt. Es kann dir nicht sagen, ob du zum Strand fahren sollst: Das entscheidet deine Lust. Für Hume ist die Vernunft das Navi, und die Moral kommt von der Seite der Lust, nicht von der Seite des Navis.

Einwände

3

Jeder Einwand ist ein Gespräch: Klicke, um zu sehen, wer erwidert und wo die Debatte steht.

Kant 1785 · greift Prämisse 3 an

Ein Moralgesetz muss mit absoluter Notwendigkeit für jedes vernünftige Wesen gelten, nicht nur für Menschen. Sein Grund darf daher nicht in der menschlichen Natur, ihren Gefühlen oder ihren Umständen gesucht werden, sondern a priori in der reinen Vernunft. Eine auf Erfahrung gegründete Regel kann eine praktische Regel sein, niemals ein Moralgesetz.

Hume erwidert
Hume Was Hume den Rationalisten seiner Zeit bereits geantwortet hatte (Kant schreibt nach seinem Tod)
Die Moral hat einen Einfluss auf unsere Handlungen und Leidenschaften; die Vernunft allein hat keinen. Also sind die Regeln der Moral keine Schlussfolgerungen unserer Vernunft.
Kant Kants Antwort (Kritik der praktischen Vernunft, 1788)
Die reine Vernunft ist für sich allein praktisch: Sie gibt dem Menschen ein allgemeines Gesetz, das Moralgesetz. Sie kann uns also ohne die Hilfe irgendeiner Leidenschaft zum Handeln bewegen.
Die Debatte geht weiter (unsere Zusammenfassung) Die ganze Debatte hängt an P3: Hume sagt, die Vernunft könne kein Motiv sein, Kant sagt, sie könne es. Kant räumt zwar ein, dass ein Gefühl hinzukommt, die Achtung vor dem Gesetz, doch er sagt, es werde von der Vernunft selbst hervorgebracht. Humes Erben entgegnen, diese Achtung sei gerade eine Leidenschaft. Der Streit zwischen „Humeanern“ und „Kantianern“ ist bis heute lebendig.
Thomas Reid 1788 · greift die Schlussfolgerung an

Wenn die Moral nur ein Gefühl ist, ist sie weder wahr noch falsch, und jeder hat seine eigene. Doch wenn ich urteile, dass man nicht stehlen, nicht töten und nicht falsch Zeugnis ablegen darf, bin ich mir dessen so sicher wie eines Lehrsatzes des Euklid. Ich urteile, ich fühle nicht bloß; und ein Urteil kann wahr oder falsch sein, ein Gefühl nicht.

Hume erwidert
Hume Humes Antwort auf die Sorge „jeder nach seiner Façon“ (vor Reid verfasst): der allgemeine Standpunkt
Jeder sieht die anderen von seinem Platz aus, und unsere Gefühle ändern sich mit der Entfernung. Um endlose Widersprüche zu vermeiden und zu einem stabileren Urteil zu gelangen, nehmen wir alle feste und allgemeine Standpunkte ein, gleichgültig, in welcher Lage wir uns gerade befinden.
Hume Hume kommt darauf in der Untersuchung über die Prinzipien der Moral (1751) zurück
Wenn wir jemanden einen Rivalen nennen, sprechen wir die Sprache der Eigenliebe. Wenn wir ihn aber lasterhaft oder verabscheuungswürdig nennen, erwarten wir die Zustimmung aller: Wir müssen unsere besondere Lage verlassen und einen Standpunkt wählen, den wir mit den anderen gemeinsam haben, den des Gefühls der Menschlichkeit, das alle Menschen teilen.
Die Debatte geht weiter (unsere Zusammenfassung) Der allgemeine Standpunkt erklärt, warum die Menschen in der Moral weitgehend übereinstimmen und vernünftig streiten können. Er beantwortet Reid aber nicht vollständig: Eine stabile Übereinstimmung zwischen Gefühlen ist noch keine Wahrheit. Reid würde erwidern, dass Hume nichts mehr entgegenzusetzen hätte, wenn alle übereinkämen, Grausamkeit gutzuheißen.
John Searle 1964 · greift Prämisse 6 an

Man kann ein „Soll“ aus einem „Ist“ ableiten. Jones hat die Worte „Hiermit verspreche ich dir, dir fünf Dollar zu zahlen“ ausgesprochen: Das ist eine Tatsache. Also hat er es versprochen; also hat er sich zur Zahlung verpflichtet; also soll er zahlen. Jeder Schritt beruht auf Tatsachen und auf der Bedeutung von Wörtern, ohne verborgenes Werturteil.

ohne Erwiderung
Keine Antwort möglich: Der Einwand wurde 1964 erhoben, nach dem Tod des Autors (1776).
Die Debatte geht weiter (unsere Zusammenfassung) Searles Kritiker, darunter R. M. Hare bereits 1964, entgegnen, der Schritt „er hat versprochen, also soll er zahlen“ setze voraus, dass man die Institution des Versprechens akzeptiert, also eine Regel: Versprechen muss man halten. Das „Soll“ war somit schon im Ausgangspunkt verborgen. Searle antwortet, diese Regel gehöre zur Bedeutung des Wortes „versprechen“ selbst. Die Debatte dreht sich darum, ob eine institutionelle Tatsache noch eine bloße Tatsache ist.