FragenMüssen wir dem Gesetz immer gehorchen?Ein ungerechtes Gesetz ist nicht wirklich ein Gesetz
Müssen wir dem Gesetz immer gehorchen?Zuerst das Gewissen

Ein ungerechtes Gesetz ist nicht wirklich ein Gesetz

Lex iniusta non est lex

Thomas von Aquin 1225 · 1274Glaube und Vernunft können einander nicht widersprechen.
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Was es behauptet

Also verpflichtet ein ungerechtes Gesetz nicht im Gewissen (außer um ein Ärgernis oder eine Störung zu vermeiden), und wenn es etwas gegen das göttliche Gesetz anordnet, darf es keinesfalls befolgt werden.

Warum

Ein Gesetz, das von der Vernunft und vom Gemeinwohl abweicht, ist eher ein Gewaltakt als ein Gesetz: Es verpflichtet daher das Gewissen nicht.

Dieselbe Idee im Lauf der Geschichte
Sophocle441 v. Chr.Antigone beruft sich gegen Kreons Edikt auf die ungeschriebenen Gesetze der Götter (V. 450-455). Dies ist das Bild, das Thomas systematisiert.
Augustinus von Hippo395Über den freien Willen (De libero arbitrio) I, 5: Ein Gesetz, das nicht gerecht ist, scheint ihm kein Gesetz zu sein. Thomas führt diesen Satz zur Begründung seiner These an.
Thomas von Aquin1270Summa theologiae, I-II, q.96, a.4: die hier dargestellte Fassung. Sie setzt seine Lehre vom Naturgesetz voraus, die in einem anderen Argument dargestellt wird.
Martin Luther King Jr.1963Brief aus dem Gefängnis von Birmingham: King beruft sich auf Augustinus und Thomas, um zu sagen, ein ungerechtes Gesetz sei ein Gesetz, das nicht im ewigen Gesetz und im Naturgesetz verwurzelt ist.
Kurz gesagt

„Ein ungerechtes Gesetz ist nicht wirklich ein Gesetz“ ist ein Argument von Thomas von Aquin (Thomas von Aquin, Summa theologiae, I-II, q.96, a.4 (um 1270), 1270) zur Frage „Müssen wir dem Gesetz immer gehorchen?“ (Antwort: zuerst das gewissen). Seine These: Also verpflichtet ein ungerechtes Gesetz nicht im Gewissen (außer um ein Ärgernis oder eine Störung zu vermeiden), und wenn es etwas gegen das göttliche Gesetz anordnet, darf es keinesfalls befolgt werden. Laut der Logikprüfung von AskPhilosophy (Z3-Solver) folgt die Schlussfolgerung tatsächlich aus ihren 3 Prämissen. AskPhilosophy präsentiert 3 Einwände, davon 3 mit einer dokumentierten Erwiderung, sowie den Originaltext hinter jeder Prämisse, Wort für Wort geprüft.

Thomas von Aquin, Summa theologiae, I-II, q.96, a.4 (um 1270)
Gültig

Müssen wir dem Gesetz immer gehorchen? Für Thomas von Aquin hängt das davon ab, was ein Gesetz ist. Ein Gesetz ist nicht bloß ein durch Zwang gestützter Befehl: Es ist eine Vorschrift der Vernunft, die auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist. Wenn es davon abweicht (weil der Herrscher an seinen eigenen Vorteil denkt, seine Macht überschreitet oder die Lasten ungerecht verteilt), behält es den Anschein eines Gesetzes, gleicht aber eher einem Gewaltakt. Dann bindet es das Gewissen nicht, es sei denn, der Ungehorsam würde ein größeres Ärgernis oder eine größere Störung verursachen. Und wenn es befiehlt, was Gott verbietet, darf es niemals befolgt werden. Die Form P1 bis P3 → C ist unsere Rekonstruktion.

P1Ein Gesetz ist eine Anordnung der Vernunft zum Gemeinwohl, erlassen von dem, der für die Gemeinschaft Sorge trägt, und öffentlich bekanntgemacht. Ein gerechtes menschliches Gesetz bezieht aus dem ewigen Gesetz seine Kraft, das Gewissen zu verpflichten.
P2Ein Gesetz ist ungerecht, wenn es dem Gemeinwohl widerspricht, sei es durch sein Ziel (der Herrscher sucht seinen eigenen Vorteil), durch seinen Urheber (er überschreitet seine Macht) oder durch seine Form (die Lasten sind ungleich verteilt). Ein solches Gesetz ist eher ein Gewaltakt als ein Gesetz, denn wie Augustinus sagt, scheint ein Gesetz, das nicht gerecht ist, überhaupt kein Gesetz zu sein.
P3Ein Gesetz, das nicht wirklich die Natur eines Gesetzes hat, verpflichtet nicht im Gewissen, außer vielleicht, um Ärgernis oder Störung zu vermeiden.
Also verpflichtet ein ungerechtes Gesetz nicht im Gewissen (außer um ein Ärgernis oder eine Störung zu vermeiden), und wenn es etwas gegen das göttliche Gesetz anordnet, darf es keinesfalls befolgt werden.

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Wenn du alle Prämissen akzeptierst, zwingt dich die Logik dazu, auch die Konklusion zu akzeptieren. Die Debatte dreht sich also um die Prämissen.
Von einem Logik-Solver geprüft: Es ist unmöglich, dass alle Prämissen wahr und die Konklusion falsch sind.
Das Argument ist gültig. Nur ein Gesetz, das wirklich die Natur eines Gesetzes hat, verpflichtet das Gewissen, abgesehen vom Fall des Ärgernisses (P1 und P3). Ein ungerechtes Gesetz aber ist ein Gewaltakt und kein Gesetz (P2). Seine Stärke besteht darin, die moralische Verpflichtung vom tatsächlichen Gehorsam zu unterscheiden: Man kann sich der Gewalt beugen, ohne ihr Gehorsam zu schulden. Seine Schwäche ist, dass jemand entscheiden muss, wann ein Gesetz „ungerecht“ ist, und wer darüber entscheidet.
Analogie. Ein Schild „Zutritt verboten“, das ein Dieb vor deinem eigenen Haus aufgestellt hat: Es hat die Form eines Schildes, aber nicht die Natur einer Regel. Es verpflichtet dich nicht, draußen zu bleiben, auch wenn du es vielleicht vorziehst, einen Streit zu vermeiden.

Einwände

3

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V
Von Thomas vorweggenommener Einwand 1270 · greift Prämisse 1 an

Es scheint, dass das menschliche Gesetz den Menschen nicht im Gewissen verpflichtet: Eine untergeordnete Macht hat keine Zuständigkeit vor dem Gericht einer höheren Macht. Die Macht des Menschen, der das menschliche Gesetz erlässt, steht aber unter der göttlichen Macht. Also kann das menschliche Gesetz seine Vorschrift nicht vor einem göttlichen Gericht auferlegen, wie es das Gericht des Gewissens ist.

Aquin erwidert
Thomas von Aquin 1270 · Antwort des Thomas im Artikel
Thomas antwortet mit dem heiligen Paulus, dass alle menschliche Macht von Gott kommt: Wer sich der Obrigkeit in dem widersetzt, was in ihren Bereich fällt, widersetzt sich der Anordnung Gottes und wird im Gewissen schuldig. Der Einwand greift bei gerechten Gesetzen nicht.
Die Debatte geht weiter (unsere Zusammenfassung) Diese Antwort hält an der Pflicht fest, gerechten Gesetzen zu gehorchen. Es bleibt die Frage, wer urteilt, dass ein Gesetz ungerecht ist. Thomas beantwortet sie in diesem Artikel nicht; er begrenzt die Verpflichtung lediglich durch die Kriterien von Ziel, Urheber und Form (unsere Zusammenfassung).
Wo die Debatte steht (unsere Zusammenfassung)Der Einwand besagt, das Gewissen unterstehe allein Gott. Thomas antwortet, die menschliche Autorität komme von Gott und verpflichte daher im Gewissen, wenn sie gerecht ist. Der grundlegende Dissens bleibt: Wer urteilt, dass ein Gesetz diese Autorität verloren hat?
Thomas Hobbes 1651 · greift Prämisse 2 an

Hobbes weigert sich, von einem ungerechten Gesetz zu sprechen: Unter einem guten Gesetz, sagt er, verstehe er nicht ein gerechtes Gesetz, denn kein Gesetz könne ungerecht sein. Das Gesetz wird von der souveränen Gewalt gemacht, und alles, was diese Gewalt tut, ist von jedem aus dem Volk autorisiert und als sein eigenes anerkannt; was jeder so will, kann niemand ungerecht nennen. Mit den Gesetzen eines Staates verhält es sich wie mit den Regeln eines Spiels: Worüber alle Spieler übereinkommen, ist für keinen von ihnen ein Unrecht.

ein Verteidiger erwidert
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Keine Antwort möglich: Der Einwand wurde 1651 erhoben, nach dem Tod des Autors (1274).
G
Gustav Radbruch Verteidiger des Arguments · 1946
Nach dem Nationalsozialismus vertritt Radbruch die Auffassung, dass das positive Recht, auch wenn es ungerecht ist, im Prinzip um der Rechtssicherheit willen Vorrang behält, außer wenn die Ungerechtigkeit ein unerträgliches Maß erreicht: Dann muss das Gesetz der Gerechtigkeit weichen. Wenn ein Gesetz die Gerechtigkeit nicht einmal anstrebt und die Gleichheit bewusst verrät, ist es kein Recht: Es ist „gesetzliches Unrecht“.
H
H. L. A. Hart 1958
Hart entgegnet, es sei eine schlechte Art, das Problem zu stellen, wenn man von einer monströsen Regel sagt, sie sei kein Recht. Besser sei es zu sagen: Das ist Recht, aber zu schlecht, um befolgt zu werden. So bleibt der Gedanke erhalten, dass das Gesetz existiert, während man zugleich moralisch urteilen kann, dass man es brechen darf. Recht und Moral zu vermischen, würde zu Verwirrung führen.
Den Rest der Debatte ansehen (1)
L
Lon L. Fuller Verteidiger des Arguments · 1958
Fuller entgegnet Hart in derselben Ausgabe der Zeitschrift, das Recht besitze eine innere Moral (Regeln, die öffentlich, allgemein, klar, beständig und nicht rückwirkend sind): Ein System, das sie schwer verletzt, hört in gewissem Sinn auf, Recht zu sein. Die Trennung von Recht und Moral ist also nicht so scharf, wie Hart behauptet.
Die Debatte geht weiter (unsere Zusammenfassung) Hobbes schreibt vor dem modernen Streit, und Thomas vor Hobbes: Keiner antwortet dem anderen. Die zeitgenössische Diskussion (Radbruch, Hart, Fuller) greift die Frage nach den Gesetzen des Dritten Reichs neu auf. Sie entscheidet sie nicht, und viele Juristen vertreten heute Mittelpositionen (unsere Zusammenfassung).
Wo die Debatte steht (unsere Zusammenfassung)Hobbes: Kein Gesetz ist ungerecht, denn der Souverän spricht für alle. Radbruch: Ein unerträglich ungerechtes Gesetz ist kein Recht. Hart: Nennen wir es Recht, aber gehorchen wir ihm nicht. Fuller: Ein System ohne innere Moral ist nicht vollständig Recht. Der grundlegende Dissens bleibt: Soll „Gesetz“ ein beschreibendes oder ein moralisches Wort sein?
Die Gesetze (Figur bei Platon) 390 v. Chr. · greift die Schlussfolgerung an

Ein Einwand aus dem Kriton, der lange vor Thomas geschrieben wurde. Nach Platon sagen die Gesetze zu Sokrates, er müsse entweder die Stadt überzeugen oder tun, was sie anordnet, einschließlich dessen, was sie ihn zu erleiden heißt, ohne zurückzuweichen. Wenn er nach einer auch ungerechten Verurteilung flieht, zerstört er, soweit es an ihm liegt, die Gesetze und die Stadt.

ein Verteidiger erwidert
Keine Antwort möglich: Der Einwand wurde -390 erhoben, nach dem Tod des Autors (1274).
Martin Luther King Verteidiger des Arguments · 1963
King greift Augustinus und Thomas auf, um gerechte von ungerechten Gesetzen zu unterscheiden, und verteidigt den Ungehorsam gegenüber Letzteren, aber auf bestimmte Weise: Wer ein ungerechtes Gesetz bricht, muss dies offen, liebevoll und mit der Bereitschaft tun, die Strafe zu akzeptieren. Er sieht in dieser Haltung den höchsten Respekt vor dem Gesetz und nennt Sokrates unter denen, die zivilen Ungehorsam geübt haben.
Die Debatte geht weiter (unsere Zusammenfassung) King nimmt eine Mittelstellung ein: Wie Sokrates nimmt er die Strafe an; wie Thomas weigert er sich, dem ungerechten Gesetz Gesetzeskraft zuzugestehen. Doch es bleibt ein Unterschied: Sokrates lässt sich hinrichten, ohne das Gesetz zu brechen, das ihn verurteilt, während King bewusst ein Gesetz verletzt, das er für ungerecht hält (unsere Zusammenfassung).
Wo die Debatte steht (unsere Zusammenfassung)Die Gesetze im Kriton verlangen: gehorchen oder überzeugen. King und Thomas unterscheiden gerechte und ungerechte Gesetze, und King fügt hinzu, man müsse die Strafe annehmen. Der grundlegende Dissens bleibt: Heißt es, ein ungerechtes Gesetz anzuerkennen oder zu ehren, wenn man dessen Strafe annimmt?